Rohstoffpreise: bestimmt durch Fundamentaldaten oder Spekulanten?

Rohstoffpreise: bestimmt durch Fundamentaldaten oder Spekulanten?

Immer wieder schimpfen Politiker auf die bösen Spekulanten, wenn es um hohe Rohstoffpreise (wie z. B. Öl- und damit auch Benzin- sowie Dieselpreise) geht. Kein Wunder: diese Meinung ist sehr populär, und befreit den Politiker von jeder Mitschuld (wie z. B. aufgrund der hohen Steuern, die dann in unnötige Projekte gesteckt werden können).

Einfluß von Steuern auf die Kraftstoffpreise

Eine sehr einfache Übersicht über die Nett-Kraftstoffprise gibt es bei Aral. Dort lernen wir, daß alle Kraftstoffarten (inkl. Erdgas) netto ähnlich viel – nämlich 60-70c kosten. Daraus werden dann 95c für Erdgas, sowie 140c für Diesel und ~155c für Benzinarten. In der Tat kommen also bei Benzin und Diesel mindestens 50% des Preises durch Steuern zustande.
Eine weitere Übersicht mit Ländervergleich von focus.de liefert noch ein paar weitere Hinweise.

Wie dem auch sei, mittlerweile hat sich tatsächlich eine Forschergruppe des Themas angenommen und eine Studie erstellt.

Wobei.. bereits der gesunde Menschenverstand uns 2 Dinge sagen sollte:

  1. Die relativ große Schwankungsbreite von Kursen kann nur selten mit Fundamentaldaten zu tun haben. Niemand wird unerwartet mit einem größeren Angebot oder einer großen Nachfrage plötzlich auf den Markt kommen. Und auch, wenn ein Ölförderland (Bürgerkrieg, Sabotage, Umweltkatastrophe..) plötzlich ausfällt hat das zunächst zumindest nur eine Auswirkung auf das erwartete Angebot. Allein diese hohen Schwankungen machen also bereits stutzig.
  2. Preise bilden sich am Markt gemäß Angebot und Nachfrage – und Spekulanten kaufen oder verkaufen eben auch, beeinflussen so also auch direkt den Preis mit.

Die Studie von Heiner Flassbeck u. a.

Die Studie kommt zu einem recht eindeutigen Ergebnis: Fundamentaldaten und sich daraus ergebende Veränderungen in Angebot und Nachfrage sind nicht allein für die hohe Schwankungsbreite der Rohstoffpreise verantwortlich.

Betrachtet man z. B. den Rohölpreis (der immer wieder gerne genommen wird), so stieg dieser zwischen 2003 und 2008 von 25$ auf knapp 150$, um dann innerhalb von 6 Monaten wieder auf 40$ zu fallen, und dann bei aktuell wieder 120$ zu landen. Dies stimmt überraschenderweise damit überein, daß in den letzten 10 Jahren auch Rohstoffe als eigene Anlagekategorie populär geworden sind.

Ein weiteres Indiz für das neue Zustandekommen der Rohstoffpreise bietet der Zusammenhang der Preisentwicklung von Rohstoffen, die nichts miteinander zu tun haben (und in sofern sich unabhängig voneinander entwickeln sollten), jedoch im Preisverlauf ähnliche Tendenzen aufweisen.

Die Schlußfolgerungen der Studie

Hohe Rohstoffpreise können zu hoher Inflation führen und damit Notenbanken dazu nötigen, früher ihre Zinsen zu erhöhen, was Wachstum vorzeitig bremsen kann.

Insgesamt braucht der Markt mehr Transparenz, viele Geschäfte werden beispielsweise außerbörslich abgewickelt. Intransparenz nämlich schürt Unsicherheit und somit auch überzogene Reaktionen.

Es gibt noch eine interessante Konsequenz: Rohstoffe sind als Anlageklasse deutlich weniger attraktiv geworden, unterliegen sie doch nicht mehr nur den (bedingt vorhersehbaren) fundamentalen Entwicklungen, sondern auch noch den unvorhersehbaren Spekulationen.

Wie wenig sich die eigene Einschätzung noch rechnen kann habe ich mir einmal bei Zertifikaten auf Rohöl angeschaut. Hiermit kann man auf steigende oder fallende Preise setzen. Aufgrund der Struktur der Zertifikate setzt man jedoch in Wahrheit nicht auf steigende oder fallende Preise, sondern darauf, ob der Preis zu Laufzeitende des Zertifikates höher oder niedriger als die Markterwartung ist. Man spekuliert hier also nicht mehr auf steigende oder fallende Preise sondern gegen eine Markterwartung, die deutlich schwieriger einzuschätzen ist.

Der Vorteil hoher Rohstoffpreise

Nicht Teil der Studie ist folgende Einschätzung: hohe Rohstoffpreise haben auch ihre positive Seite. So gibt es z. B. Theorien wie die des Peak Oil, nachdem wir bald nicht mehr so viel Öl fördern können wie heute.

Peak Oil

Vor einigen Jahren noch kontrovers diskutiert, zweifelt heute kaum noch jemand an der These, daß wir nicht ewig so viel Öl fördern können werden wie heute – es gibt endliche Ressourcen, die irgendwann verbraucht sind. Beim Peak Oil geht es um den genauen Zeitpunkt, zu dem die Ölförderung maximal war, und von da an nur noch sinken kann. Die Schätzungen gehen außeinander, allgemein geht man von einem Datum vor 2030 aus. Mittlerweile zweifelt kaum noch jemand daran, daß es dieses Datum geben wird, die Frage ist nur, wann es genau sein wird.
Ohne Frage werden wir in (ferner?) Zukunft deutlich steigende Rohölpreise sehen, weil immer unwirtschaftlichere Vorkommen (wie Ölsand) ausgebeutet werden müssen, um den Bedarf zu bedienen – und es die hohen Preise erlauben, auch solche Förderungen noch wirtschaftlich zu betreiben.
Sollte sich die Wirtschaft bis dahin jedoch nicht vom Öl entkoppelt haben, wird sie unter den explodierenden Preisen sehr zu leiden haben.
Und noch etwas sollte man nicht vergessen: aus Öl wird viel mehr gemacht als Benzin oder Kerosin (gerade für Flugzeuge gibt es aktuell keine alternativen Brennstoffe) – auch sämtliche Plastikprodukte werden aus Öl gewonnen. Man stellen sich also eine Welt ohne Plastik vor – oder eine, wo der Plastikring aus dem Kaugummiautomaten mehr wert ist als ein Goldring.

Das Positive an hohen Preisen ist die Verknappung der Nachfrage. Es wird nach Alternativen gesucht, und allgemein wird der Konsum auch eingeschränkt. Natürlich nicht fair – es wird Leute geben, die auch bei 10€/l Benzin immer noch gerne und viel Auto fahren, während andere gar nicht mehr die (finanzielle) Möglichkeit dazu haben werden. Das ist eine Ungerechtigkeit, die es bereits gibt, und die dann evtl. noch verschärft wird. Auch jetzt bereits sind ja viele Wähler der Grünen nicht etwa mehr die armen Schlucker, die auf dem Bauernhof leben und jeden Tag einen Baum pflanzen, sondern die Wohlständler, die zu viel haben und zumindest über ihre Wahlentscheidung der Welt etwas Qualität zurückgeben wollen, und die Kosten von Entscheidungen für die Umwelt gerne tragen (und tragen können).

Zumindest wird sich im Durchschnitt durch Bevölkerung und Länder ein bedachterer Umgang mit endlichen Ressourcen ergeben, was – trotz aller angesprochener Einschränkungen – eine gute Sache ist.

Referenzen

Die Studie „Price formation in financialized commodity markets” von Heiner Flassbeck u. a. bei Unctad
Und wo findet man so etwas Interessantes? Natürlich im Handelsblatt, in der Kategorie Wissenswert.

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