Regeln und Grenzen für Kinder setzen – einige Tips für die Kindererziehung

Regeln und Grenzen für Kinder setzen – einige Tips für die Kindererziehung

Um mich herum werden aktuell zahlreiche Kinder geboren. Grund genug für mich, über das wenige, was ich weiß, hinaus, mir ein wenig zusätzliches Wissen anzulesen. Immerhin ist Kindererziehung für viele ein Buch mit sieben Siegeln. Und zumal eines, bei dem niemand etwas „falsch” machen möchte.

Ein paar gute Ideen möchte ich hier teilen.

Konditionierung

Soweit ich weiß, gibt es noch kein 100%ig zufriedenstellendes Erklärungsmodell, wie Lernen funktioniert, u. a. auch, wie es bei Babies funktioniert. Was jedoch beobachtet worden ist, ist das Funktionieren des Konditionierens, einer bestimmten Form des Lernens einfacher Zusammenhänge.

Beispiel: Ein Kind wird stets in den Arm genommen, wenn es schreit. Nach einer Weile entsteht die Beziehung: Schreien -> in den Arm genommen werden. In Zukunft wird das Kind also stets schreien, wenn es in den Arm genommen werden möchte.

Weiteres Beispiel (auch für Erwachsene relevant): Essen -> gutes Gefühl. Dieses Muster lernen viele Menschen. Wer keine anderen oder ähnlich effektive Möglichkeiten hat, sich gut zu fühlen, wird oft entsprechend viel essen, Gewicht zulegen, sich schlecht fühlen, und mehr essen, um sich wieder gut zu fühlen. So kann ein erlerntes Reiz-Reaktions-Muster auch ablaufen.

Das beliebte Muster „Kind schreit -> Kind bekommt, was es will”, das zu Anfang bewußt gefördert werden mag, wenn das Baby noch gestillt wird, kann so später durchaus ungewünschte Konsequenzen haben. Wer hier nicht nur kurzfristig, sondern dauerhaft Ruhe haben möchte, sollte also zu einem bestimmten Zeitpunkt den Ausstieg aus diesem Muster üben und das Erlernen eines neuen Musters proben.

Das kann bereits sehr früh erfolgen: weiß man die Reaktionen des Kleinen grob einzuordnen, kann man ihn auch für einige Zeit Schreien lassen, sollte er etwa gerade gefüttert worden sein sowie frische Windeln anhaben, und man sich somit ziemlich sicher sein, daß es dem Kleinen gut gehen sollte.

Gewollte Regeln finden und bewußt machen

Es zeigt sich also, wie wichtig es sein kann, sich ab und zu eine Auszeit zu gönnen und zu reflektieren, welche Verhalten, Regeln oder Muster wir mit unserem Handeln, mit dem, was das Kind erlernt, unterstützen und verfestigen. Dabei können wir Muster finden, die wir so nie erzeugen wollten und starten, diese Muster durch neue zu ersetzen.

Aufmerksamkeit

Einige Kinder verhalten sich auffällig, weil sie sich dann elterlicher Aufmerksamkeit sicher sein können. Manchmal spielt es sogar gar keine Rolle, ob diese Beachtung positiver oder negativer Natur ist.

Natürlich verstärkt sich dieses Muster auch wieder: das Kind, was ein anderes Kind schlägt, steht im Mittelpunkt. Die Eltern kümmern sich um es. So wird das Kind beim nächsten Mal, wenn es wieder Aufmerksamkeit haben möchte, ähnlich handeln.

Aufmerksamkeit geben

Gut ist es, wenn ein Kind diese Muster gar nicht erst benutzen muß, wenn es im normalen Alltag bereits genügend Aufmerksamkeit bekommt. Je nach Zeit sollten sich Eltern regelmäßig 10-30 Minuten Zeit nehmen, um sich um ihr Kind zu kümmern. So entsteht kein gefühltes Defizit beim Kind.

Gegensteuern

Sollten Kinder bereits entsprechend „aus der Bahn geworfen” sein oder z. B. auch einfach nicht erfüllbare Ansprüche an die Zeit der Eltern haben, so hilft nur ein verständnisvolles Auseinandersetzen mit den Bedürfnissen und Problemen des Kindes. Eine Möglichkeit hierzu sind die Ich-Botschaften.

Diese erläutern ausdrücklich auch das Warum der gewünschten Handlung. So ist es viel einfacher für das Kind, nachzuvollziehen, weshalb der Erwachsene sich ein anderes Verhalten wünscht.

„Sei ruhig, wenn ich telefoniere!” ist bei weitem nicht so wirkungsvoll wie „Ich habe gerade ein wichtiges Gespräch mit einem Kunden. (Es geht um einen Auftrag, der mein Einkommen für die nächsten Monate sichern kann.) Ich möchte diesen Anruf jetzt zu Ende führen, dann habe ich gerne Zeit für Dich.” Zugegeben, etwas länger, dafür sollte man dann aber auch Ruhe haben. Ein extrem wirkungsvolles Mittel ist hier auch die Gewaltfreie Kommunikation (GFK), die sich auf gut annehmbare Ich-Botschaften spezialisiert hat. Damit kommt man nicht nur zu hause, sondern z. B. auch bei der Arbeit weiter – die GFK ist darauf ausgelegt, die typische „Trotzreaktion” zu umschiffen. So wird es viel wahrscheinlicher, daß der verpackte Wunsch angenommen wird.

Rituale

Durch wiederholtes Tun derselben Tätigkeiten kann man bestimmte Muster erschaffen und verfestigen. Damit können z. B. auch aktuell laufende, ungewünschte Muster „übertönt” werden.

Zu vermeiden

Eine ganze Reihe von Verhalten kann langfristig schlechte Folgen haben: Bettelei, Drohungen (insbesondere, wenn Folgen ausbleiben), Feindseligkeit, Isolation, körperliche Gewalt, Beschimpfungen.

Für all dies sollten aber hier bessere Alternativen vorgestellt werden.

Weitere Möglichkeit einer positiven Umkonditionierung

Sollten Dinge nicht so laufen, wie erwünscht, ist es oft gut, die Dinge direkt beim Namen zu nennen. Hier sollte Klartext geredet werden. Sollte dies nicht ausreichen, können durchaus Konsequenzen angedroht werden. Diese sollten natürlich angemessen sein. Und.. man sollte sich unbedingt vorher überlegen, ob man diese Konsequenzen auch durchziehen wollen würde. Denn.. sollte die Aussprache nicht helfen, sollte man auch unbedingt zu seiner Ankündigung stehen. Macht man das nicht, so lernt das Kind irgendwann, wie viel von diesen Ankündigungen zu halten ist. Und vielleicht auch allgemein eine Lektion über die Zuverlässigkeit.

In einem letzten Schritt, um das positive Verhalten für die Zukunft zu sichern, kann man einen Vertrag abschließen. Hierbei sollte ein für beide Seiten positives Ergebnis erzielt werden. D. h. beide Seiten wären mit dem Verhalten, so wie es im Vertrag beschrieben wird, einverstanden. Anschließend verpflichten sind beide Seiten zum Einhalten. Eine Vertragsstrafe ist durchaus auch möglich. Sinn macht ein Vertrag natürlich erst, wenn Kinder ein gewisses Alter erreicht haben, und mit diesem Konzept etwas anzufangen wissen. Dies ist ungefähr ab dem Vorschulalter möglich.

Es gibt zu diesem Thema noch ein paar andere hilfreiche Ideen:

Das Positive sehen

Das Positive zu bestärken kann oft besser funktionieren als das Negative zu benennen. Zum einen weiß man direkt, welches Verhalten gewünscht ist, wird das Negative benannt, wird oft vergessen, zu sagen, welches Verhalten man statt dessen lieber hätte – das öffnet Raum für (falsche) Spekulationen.

Und man selber kann sich auch mal kurz überlegen, ob man vom Chef lieber hört „Den Teil A vom Report haben Sie besonders gut gemacht, Müller!” oder „Den Teil B vom Report, der war ja wohl unter aller Sau! Nochmal!”.

Auch ist es für einen selber schön, sich auf Positives zu konzentrieren und das Schöne in der Welt – und auch in seinen Kindern – zu sehen.

Kaputte Schallplatte (broken record)

Die kaputte Schallplatte spielt immer den gleichen Teil von einem Stück ab, weil die Spur kaputt ist, der Tonarm fährt immer wieder zurück, unabänderlich.

So etwas kann auch bei der Äußerung eines Wunsches hilfreich sein.

Wer kann schon mit den Argumenten eines Kindes mithalten? „Ich hätte jetzt wirklich wirklich wirklich gerne Eis!” usw. Und jedes eigene logische Argument wird schnell mit einem passenden nicht-konterbaren Argument des Kurzen außer Kraft gesetzt. Wer hier nicht entsprechend wortgewandt ist, mag einfach gar nicht auf die Einwände eingehen, und einfach nur – leicht abgewandelt, aber etwas bestimmter – den bereits geäußerten Wunsch noch einmal zu wiederholen, evtl. noch mit einer weiteren Erläuterung, warum dies gerade wichtig ist.

So wird eine Diskussion vermieden, die fast nur in einem Fehlschlag enden kann, und auch ein „Ich meine, was ich sage, und habe es mir gut überlegt!” gestärkt.

Auszeit

Eine mit Vorsicht anzuwendende Technik ist die Auszeit. Sie ist eine Art erzieherische Strafe und kann z. B. wiederholt bei einer bestimmten Klasse von ungewünschten Verhalten benutzt werden. Auch kommt sie mit wenig Kommunikation aus, und ist so bereits bei kleinen Kindern anwendbar – wobei man selbstverständlich hier auch seiner Aufsichtspflicht nachkommen sollte.

Bei der Auszeit entfernt man sich für eine bestimmte Zeit – wenige Minuten – von dem Kind (oder schickt es in sein Zimmer). Danach fragt man nach, ob sich das Kind beruhigt hat, und bereit ist, ruhig über das Geschehene zu reden. Sollte dem nicht so sein, wendet man sich wieder ab, und probiert es nach kurzer Zeit noch einmal.

Extra-Tips

Von meinem Gesprächspartner auf der Terrasse hier, wo ich gerade tippe und den Abend genieße, höre ich gerade, daß die beste Methode die des Vorbildes ist. Jedes Kind imitiert das, was es vorgelebt bekommt. Das stimmt in einer sehr großen Mehrzahl der Fälle, bis – in wenigen Fällen – das Kind evtl. rebelliert und genau das Gegenteil von dem sein will, was die Eltern darstellen. Aber auch hier übernimmt es oft viele Grundzüge der Eltern – gibt das dann jedoch nur sehr ungern zu.

Das zweite ist der Umgang, den das Kind pflegt. Wir werden alle letzten Endes durch unser Umfeld geprägt. Daher ist es auch so wichtig, daß wir uns unseren Umgang aussuchen und gezielt Kontakt zu den Leuten suchen und halten, die gut für uns sind und uns gut tun, und die Leute, die nicht zu uns passen, die unsere Energie aussaugen, etc., meiden. Ähnlich gilt es für Kinder – da, wo sie noch lernen, und teilweise Dinge ungefragt übernehmen, gilt es sogar umso mehr.

Fazit

Kindererziehung kann sehr kompliziert und sehr einfach sein. Manchmal denke ich, daß es z. B. in ärmeren Ländern kaum schlecht erzogene Kinder gibt. Wenn man in einer Wellblechhütte lebt, wird kaum ein Kind auf die Idee kommen, im Supermarkt zu quengeln, weil es nicht das teure Spielzeug oder die Süßigkeiten bekommt. Es weiß, was möglich ist, und es zieht mit der Familie an einem Strang. Mit ähnlichen Überlegungen (das Kind weiß um den Sinn von Einschränkungen und gewünschtem Verhalten, alles ist gerechtfertigt und gut nachvollziehbar), sowie mit einem verständnisvollen Umgang kann man sein Kind mit ins Boot holen und aus dem täglichen Kampf ein tägliches Miteinander machen.

Quellen

Nein, die Ideen sind nicht (alle) meinem Kopf entsprungen, sondern stammen zu großen Teilen aus einem Buch, und zwar Jedes Kind kann Regeln lernen von Annette Kast-Zahn. Da ich ohnehin nur die Dinge so wiedergeben kann, wie ich sie verstanden habe, habe ich sie gleich noch mit einigen eigenen Ideen angereichert.
Nach den anfänglichen Problembeschreibungen, die wenig hilfreich sind und eher zum Weiterlesen anregen sollen, kommt die Autorin recht schnell zu einer Reihe von hilfreichen Tips. Derer gibt es nicht allzu viele, dafür sind diese schlüssig, relativ praxisnah dargestellt, sowie mit Beispielen erläutert.
Am besten wendet man die Hinweise von Anfang an an – ist „das Kind erst in den Brunnen gefallen” ist es oft deutlich schwieriger, die Entwicklung in eine andere Richtung zu lenken.
In diesem Buch werden einige von vielen Möglichkeiten beschrieben, Kinder „besser” zu erziehen. Wer bereits Erfahrungen mit NLP (in Bezug z. B. auf die Konditionierung, auch ankern genannt) oder mit GFK (gewaltfreier Kommunikation) hat, wird Vieles wiedererkennen – und so auch merken, daß hier einige Optionen aufgezeigt werden, die durchaus funktionieren können.
Natürlich hilft immer der gesunde Menschenverstand und das Einholen von mehr als einer Meinung – dann kann man sich die Meinung aussuchen, die einem am besten gefällt und am schlüssigsten klingt, bzw. sich eine weitere, neue Meinung bilden, die noch besser ist.

Viel Erfolg!

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