Historische Rendite von Geldanlagen (auch Aktien und Anleihen) – was ist langfristig machbar?

Historische Rendite von Geldanlagen (auch Aktien und Anleihen) – was ist langfristig machbar?

Sonntag früh habe ich angefangen, meiner Freundin am Frühstückstisch die Welt (die finanzielle Welt, aber.. Geld regiert ja die Welt, also eigentlich doch die Welt) zu erklären. So wie ich sie sehe. Dabei ist mir aufgefallen, wie interessant einige Ideen sind.

Jeder, der sich ein wenig mit dem Thema Geldanlage beschäftigt hat, weiß, dass Aktien eine deutlich bessere Rendite bringen als Anleihen. Die genaue Höhe ist von Untersuchung zu Untersuchung unterschiedlich, ungefähr werden 5% für Anleihen sowie 8% für Aktienanlagen genannt.

Doch.. wie gut sind solche empirisch fundierten Angaben wirklich? Und wie schaut es mit der realen Rendite aus, also der Rendite nach der Inflation? Wie genau lassen sich dazu Aussagen machen, und welche Rendite kann man für seine Anlagen im Durchschnitt langfristig erwarten?

Dazu ein paar Überlegungen.

In diesem Artikel soll es nur um Größenordnungen und ungefähre Abschätzungen gehen. Insofern ist es auch egal, ob wir den DAX oder z. B. den S&P betrachten. Qualitative Ergebnisse sollten ohne Probleme übertragbar sein, quantitative mit kleineren Anpassungen.

Wer mir also vorwirft, Äpfel mit Birnen vergleichen, wenn ich z. B. Wertentwicklungen von unterschiedlichen Perioden über einen Kamm schere, sollte hier beachten, daß ich den Vergleich auch nur auf der Ebene führe, daß beide Gemüse sind, und insofern doch wieder vergleichbar sind.

Überblick

Eine Untersuchung der Renditen verschiedener Märkte zwischen 1900 und 2000 zeigt weltweit Aktienrenditen von 5,8% sowie Anleihenrenditen von 1,2% auf.

Bei einer Untersuchung der Renditen von Aktien und Anleihen seit 1801, also eines ungewöhnlich langen Zeitraumes kam heraus, daß Aktien Anleihen lediglich um ca. 2,5% übertreffen.

Eine sehr gelungene Abhandlung des Themas findet sich unter TradingDay: Renditen am Aktienmarkt: Illusion oder Wirklichkeit?. Dieser Artikel ist sehr lesenswert. So stieg der S&P 500 zwischen 1945 und 2006 um jährlich 7,49% (ohne Dividende) sowie um 7,96% (mit Dividende aber ohne Neuanlage). Basierend auf Daten zwischen 1960 und 2010 würde die Rendite (ohne Steuer, aber mit Wiederanlage der Dividende) sogar weiter steigen, lag die Dividende im Schnitt doch bei 3,15%. Insgesamt und grob betrachtet hätte man in diesem Zeitraum also mit 8%-10% jährlichem Wertzuwachs rechnen können (auch wenn hier einige Vereinfachungen drin sind).

Inflation

Kommen wir noch einmal auf die Untersuchung von Tradingday. Hier wird festgestellt, dass die Rendite nach Inflation im untersuchten Zeitraum nur noch bei 3,33% (statt 7,49%) liegt. Die Zahl sieht also schon deutlich anders aus. Der Artikel kommt übrigens zu dem nicht verwunderlichen aber doch interessanten Ergebnis, daß sich Kurse analog zur Gewinnentwicklung der zugrundeliegenden Werte bewegen. Die Rendite also langfristig ausschließlich der Zunahme der Wertschöpfung folgt.


Inflation und Altersvorsorge
Übrigens ist die Inflation immer wieder deutlich höher als die 2% oder evtl. auch 3%, mit denen gerne gerechnet werden (z. B. beim Finanzberater, der einem den Finanzbedarf bei Rentenbeginn ausrechnet). So hat bei 2,2% Inflation z. B. unser Geld nach 50 Jahren nur noch 1/3 seiner Kaufkraft.

Inflation und Schulden
Was die Inflationsrate aus Gewinnen und Renditen machen kann haben wir gesehen. Nebenbei hat die Inflation u. a. noch einen deutlichen Einfluß auf die Schulden, insbesondere besonders große Schulden, wie z. B. die Staatsschulden. In seinem Artikel 20 Prozent Inflation ist der historische Maßstab zieht Robert Rethfeld interessante historische Daten aus den USA heran: dort folgte auf eine höhere Staatsverschuldung jeweils eine bereinigende Inflation von bis zu 20% jährlich über wenige Jahre, die zusammen mit einem stärkeren Sparen der Regierung dann zu einer deutlichen Schuldenreduktion geführt haben. Ohne wirklich zu sagen, welche Zusammenhänge ursächlich sind mag sich eine Parallele zu aktuellen Defiziten bieten. Auch blickt der eine oder andere bereits recht besorgt auf eine gegenüber den Sachwerten immer weiter ausufernde Geldmenge. Insofern machen sich viele bereits Gedanken über eine kommende Inflation, wie z. B. hier, aber auch immer wieder in verschiedenen Kommentaren und Prognosen der Finanzpresse (wobei sich hier natürlich ohne Probleme Prognosen für so ziemlich jedes Szenario finden lassen. Aktuell rechnen einige mit einem DAX bei knapp 8000 Ende 2011).

Einfluß der betrachteten Zeiträume

Weitere Zweifel ergeben sich, wenn man die Jahre zwischen 1929 und 1945 zu der Betrachtung von Tradingday zwischen 1945 und 2006 hinzunimmt. Hierzu findet sich unter ein hilfreicher Chart des S&P 500. Wertentwicklungen zu verschiedenen Zeiträumen waren grob unterschiedlich.

Das Ganze erinnert ein wenig an die Muster, die Elliot-Wellen versuchen vorherzusagen und auch an die Selbstähnlichkeit von Fraktalen. Die Veränderungen, die es im Kleinen gibt, gibt es auch im Großen. Also könnte z. B. der Chart einer Tagesschwankung eines Wertes genau so (bis auf z. B. Skalierung) genauso die Wertentwicklung über ein Jahrhundert darstellen, eine Unterscheidung nicht immer möglich.


Selbstähnlichkeit
Ein Objekt wird selbstähnlich genannt, wenn es bei Skalierung dem Ursprungsobjekt immer noch ähnlich ist. Aktienkurse, Temperaturkurven, Fraktale u. ä. Fallen in diese Kategorie.
Siehe auch Wikipedia: Selbstähnlichkeit sowie Fraktale und Selbstähnlichkeit am Beispiel der Mandelbrotmenge sowie Beispiele aus der Natur.

Umgekehrt heißt das, daß es schwierig ist, historische Daten zu verallgemeinern.

Ich möchte mal Klimadaten zum Vergleich heranziehen, weil wir hier für größere Zeiträume über Daten verfügen.


Klimavorhersage
Da ich hier eine Aussage zur Unvorhersagbarkeit von zukünftigen Entwicklungen aus Werten der Vergangenheit mache, möchte ich einen Punkt ausnehmen.
Aktuell gehen wir davon aus, daß wir auf eine starke Erderwärmung zusteuern, die fatale Konsequenzen hat, und beziehen uns dabei auf Daten, der letzten Jahrzehnte. Die meisten Leute, die so eine Entwicklung verneinen, tun dies aus wirtschaftlichen und nicht aus wissenschaftlichen Interessen.
Nichts aus der Vergangenheit zu lernen wäre die falsche Schlußfolgerung. Vielmehr ist dem so, daß die gezogenen Erkenntnisse nicht immer 100%ig korrekt sein werden.

Im Rahmen der wirtschaftlichen Überlegungen hier möchte ich jedoch auf einen Chart der Temperaturentwicklung der letzten 500 Millionen Jahre hinweisen und daraus direkt eine Erkenntnis ableiten. Hätte z. B. jemand 290 Millionen Jahre vor dem Beginn unserer Zeitrechnung gelebt und hätte sich Wetterdaten der letzten Millionen Jahre angeschaut, wäre er evtl. zu dem Schluß gekommen, dass es auf diesem Planeten ewig und regelmäßig wärmer werden würde. Und für die nächsten 10 Millionen Jahre hätte er sogar Recht behalten, bevor der Trend wieder umkippte. Das Verhalten, aus aktuellen Entwicklungen auf die Ewigkeit zu verallgemeinern ist besonders an der Börse wohlbekannt – und sei es mit Tulpen, Eisenbahnen, Internet oder Biotech, fallen die Menschen immer wieder in die gleichen Muster. Auch die DAX-Jahresprognosen liegen in der Regel bei einer linearen Extrapolation der Wertentwicklung der letzten Monate. Der Fehler hier liegt darin, dass der falsche Zeitraum betrachtet wird, bzw. daß eine aktuelle Entwicklung verallgemeinert wird. Der „richtige“ Zeitraum läßt sich vorher (oder mittendrin) jedoch schlecht vorhersagen.

Was ist denn überhaupt möglich, historisch gesehen?

Ein Gedankenexperiment.

Wir nehmen einen Zeitgenossen Jesu, der im Jahre 0 (also als Jesus 4-7 Jahre alt ist) 1€ zur Bank bringt. Er nimmt sich ein Konto bei der Bank der judäischen Volksfront und bekommt 2% Zinsen. Nicht viel, aber.. nun.. es ist ja eh alles nur ein Gedankenexperiment, und der Zinssatz ist für die nächsten 2000 Jahre garantiert. Da er sich ein normales Konto holt bekommt er automatisch Zinseszinsen, was unsere Rechnung interessant und einfach werden läßt. Das Geld vergißt er nämlich, und heute, 2010 Jahre später fordert es ein Erbe ein, mit 2% Zinsen. Wie viel ist heute auf dem Konto? 1€ * 1,02^2010.

Er hat nun also 193.360.474 Mrd. € auf dem Konto. Das sind gut 193 Brd. €.

Um die Zahl einordnen zu können schauen wir uns mal das BIP von Deutschland im Jahre 2009 an. Es liegt bei 3.353 Mrd. € oder auch 3,3 Bill. €. Das gesamte BIP weltweit liegt bei 57,9 Bill. €.

Somit könnte dieser Erbe also sämtliche Waren sowie Dienstleistungen weltweit für schätzungsweise 3300 Jahre kaufen, wenn das BIP weltweit einerseits auf dem Niveau von 2009 bleibt und er ferner auch sein Geld nicht weiter gewinnbringend einsetzt.

Kurz, er hätte absurd viel Geld und würde sogar mehr Geld haben, als überhaupt an Geldmenge bereitsteht, das sind z. B. für Europa nämlich nur 9,5 Bill. €.

Drehen wir die Rechnung kurz um. Nehmen wir z. B. an, aus dem 1€ wären lediglich 10 Mrd. € geworden. In dem Fall hätte er von der Bank jedoch auch bloß 0,8% Rendite bekommen.

Das ist ziemlich wenig. Und demzufolge müßte dann der Großteil der Bevölkerung über die vergangenen 2010 Jahre eher eine Rendite gemacht habe (gemessen über alles) die in der Größenordnung dieser 0,8% liegt. Das ist verdammt wenig. Wie kann das sein?

Mögliche Erklärungen:

Inflation

Da mir keine historischen Daten zur Inflation vorliegen, ändere ich meine Betrachtung so, dass ich die Rendite nach Inflation betrachte. Wir wären somit bei einer Rendite von 0,8% inflationsbereinigt. Den ersten Euro müßten wir natürlich auch inflationsbereinigt anlegen. Also z. B. den damaligen Wert eines kleinen Mittagessens oder eines geringwertigen Gegenstandes des Alltags. Auf alle Fälle ein Gegenwert, der damals bereits weit verbreitet ist.

Bevölkerung

Es gibt Daten zur vermuteten Bevölkerungsentwicklung. Demnach ist die Bevölkerung in den letzten 2010 Jahren von 170 Mill. auf 6.892 Mill. gestiegen, ein Anstieg um den Faktor 40. Demnach ist die Bevölkerungsgröße im Schnitt um 0,18% pro Jahr gestiegen.

Produktivität

Ohne Frage ist die Produktivität in den 2010 Jahren deutlich gestiegen. Als Beispiel sei die Nahrungsmittelerzeugung herangezogen. So ernährte ein Landwirt 1900 lediglich 4 weitere Personen, 1950 ernährte er 10 Personen, 2000 waren es über 140 (Wikipedia Landwirtschaft).


Auswirkungen der Produktivitätssteigerung
Diese bereits lange vorher begonnene Entwicklung, die u. a. auch Menschen ermöglichte, sesshaft zu werden und schließlich sogar immer größere Städte zu bauen (und versorgen) ermöglichte unter anderem auch die weitere Spezialisierung und somit einen immer schneller werdenden Fortschritt (siehe auch Clark’s Sector Model hier sehr anschaulich sowie ausführlicher als Drei-Sektoren-Hypothese.

Schön vorstellen kann man sich auch einen Bagger, der unzählige Arbeiter mit Schaufel und Hacke ersetzt. Einige Dinge gehen ähnlich schnell wie vor 2000 Jahren, andere waren damals noch gar nicht möglich und sind so nicht vergleichbar. Somit möchte ich mich hier auf die Betrachtung der Landwirtschaft beschränken.

Das Produkt

Wenn wir Bevölkerung mit Produktivität multiplizieren kommen wir vereinfacht auf einen Wert für die Wertschöpfungskraft der Menschheit zu einem bestimmten Zeitpunkt. Die Entwicklung dieser Wertschöpfungskraft jedoch bestimmt letzten Endes genau wieder Dinge wie Umsatz und Gewinn von Firmen, die wir uns rein gedanklich in diese 2010 Jahre hineindenken. Sollte dies also der begrenzende Faktor sein, so wäre der materielle Wert, der letzten Endes auch die Rendite, die im Schnitt auf jede Teilinvestition zu erwarten wäre, in einem analogen Maße gestiegen zu dieser Wertschöpfungsfähigkeit. Somit könnten wir also unsere erste Idee, daß aus 1€ 10 Mrd. € werden zu einer verbesserten Abschätzung führen, wenn wir uns überlegen, dass die Produktivität ca. um den Faktor 70 gestiegen ist, während die Bevölkerungsgröße um den Faktor 40 gestiegen ist, insgesamt also die Wertschöpfungskraft um den Faktor 2800. Aus 1€ im Jahre zu Christi Geburt wären also lediglich 2800€ geworden, inflationsbereinigt. Eine Rendite von 0,39% mit der wir – wenn wir wirklich langfristig denken, zu rechnen haben.

Betrachten wir jedoch nicht die Rendite pro eingesetztem Kapital sondern pro Mensch dürfen wir nur noch den Produktivitätsgewinn betrachten. Dieser hat sich lediglich um den Faktor 70 verbessert, eine Steigerung um 0,2% pro Jahr.

Etwas mehr Realität

1:1 läßt sich das vermutlich nicht übertragen. Nicht jeder hat seine Werte optimal investiert, Menschen brauchen einen Teil auf, um zu leben, immaterielle Werte wie Wissen werden geschaffen. Nicht zuletzt bleibt die Tatsache, dass sich Produktivität wie auch Bevölkerung in verschiedenen Perioden stark unterschiedlich verändert haben, insbesondere, wenn wir kurze Zeiträume von etwa Monaten sowie begrenzte Regionen wie etwa Länder oder Städte betrachten. Insbesondere auch größere Ereignisse wie Kriege, Regimewechsel oder größere Erfindungen und Entdeckungen haben für einen nicht gleichmäßigen Entwicklungsverlauf gesorgt.

Fazit

Was sich feststellen läßt ist, daß es dem Gesamtmarkt unmöglich ist, über einen längeren Zeitraum stärker zu wachsen. Ein größeres reales Wachstum im Bereich von mehr als 2% scheint jeweils nur Teilmärkten, Teilperioden oder einer Kombination aus beidem möglich zu sein. Daß in Teilbereichen ganz andere Renditen möglich sind, zeigt ein Blick auf die Historie einiger sehr erfolgreicher Hedgefonds.

Durch Vermeidung von größeren Kriegen sowie anderer Katastrophen (Hunger, Überbevölkerung, Umweltverschmutzung, Klimawandel, Rohstoffmangel) sowie durch eine wie in den letzten Jahrzehnten hohe Produktivitätssteigerung (vergleiche etwa die in der Landwirtschaft, die seit 1900 bemerkenswert groß war) gelten, so lange diese Faktoren anhalten, andere Regeln. Wie lange diese Phase anhalten kann ist aktuell jedoch nicht vorhersehbar.

Auch scheint aktuell wieder ein besonders hohes Inflationsrisiko zu bestehen. Auch demographische Entwicklungen (die Baby Boomer kommen langsam in das Rentenalter, in westlichen Ländern ist die Größe der arbeitenden Bevölkerung rückläufig) können große Auswirkungen haben.

So oder so, die Zukunft bleibt spannend.


Weiterführende Ideen
Eine interessante, für mich persönlich jedoch nur wenig plausible und eher als Denkanstoß geeignete Ansicht bietet Fabian – Gib mir die Welt plus 5 Prozent. Hier wird die These aufgestellt, daß praktisch alle Gewinne bei den Banken landen.

Eine interessant Untersuchung der Wertentwicklung des DAX nach Monaten (also z. B. dass der DAX im September immer wieder schlechter abschneidet als in anderen Monaten) gibt es unter Goldene Regeln zur Aktienauswahl und für das Börsengeschäft.

Weitere Vergleiche zwischen der Rendite von Anleihen und Aktien auch unter Berücksichtigung der Inflation seit 1970 gibt es bei test.de: Das waren Zeiten.

Ich freue mich über Kommentare und eine kritische Diskussion!

3 thoughts on “Historische Rendite von Geldanlagen (auch Aktien und Anleihen) – was ist langfristig machbar?

  1. Wer sich mal richtig Sorgen machen möchte, liest sich noch diesen Artikel durch: http://www.nytimes.com/2011/01/21/business/economy/21bankruptcy.html , in dem es um die Option für US Bundesstaaten geht, insolvent zu werden.
    Seltsam ist: alle (die sich mit dem Thema beschäftigen) wissen, dass etwas (Negatives) passieren wird. Nur, wann und insbesondere was, das weiß niemand genau. Inflation, Deflation, ewiges mit-niedrigen-Zinsen-vor-sich-herschieben.. man weiß es nicht.
    Nur in einem sind sich die meisten Analysten und Kommentatoren, die ich gelesen habe, einig: die nächste Krise steht schon vor der Haustür.

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